Warum wächst die Zahl der Nichtwähler*innen?

Die Zahl der Nichtwählerinnen und Nichtwähler steigt in Deutschland stetig an. Diese Tendenz begann schon in den 1980er Jahren auf kommunaler Ebene und setzte sich bei Landtagswahlen und schließlich auch bei Bundestagswahlen fort.

Bei den Bundestagswahlen 2009 und 2013 errreichte der Anteil der Wählerinnen und Wähler mit ca. 71 Prozent den (bisherigen) Tiefpunkt. 2017 stieg die Wahlbeteiligung wieder um 4,6 Prozent auf 76,2 Prozent. Gründe hierfür könnten Mobilisierungseffekte ehemaliger Nichtwähler*innen durch die AFD gewesen sein (siehe auch: Bertelsmann Stiftung: Bundestagswahl 2017).

Dass ein großer Teil der Bevölkerung nicht wählen geht, stellt für die Politikwissenschaft ein Rätsel dar. 

Einflussfaktoren von Nichtwahl

Die Einflussfaktoren von Nichtwahl sind zahlreich und werden in der Literatur kontrovers diskutiert, wie Martin Althoff in dem Aufsatz "Der Nichtwähler: Ein noch immer unbekanntes Wesen" zusammenträgt:

Der Einfluss von Bildung auf die Beteiligung von Wahlen wird in der Forschungsliteratur überlichterweise bestätigt. Allerdings ist dieser Befund nicht unstrittig geblieben. Demnach führt nicht ein "Mehr an Bildung" zu einer wahrscheinlicheren Beteiligung, sondern – damit einhergehende – dritte Faktoren, wie der Status innerhalb der Gesellschaft oder weitere politische Größen.

Auch das Alter hat einen Einfluss auf das Wahlverhalten. Mit dem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit der Stimmabgabe. In der Literatur haben sich zwei Denkansätze etabliert, die eine höhere Wahlbereitschaft von Älteren zu erklären versuchen: der Generationen- und der Lebenszykluseffekt. Allerdings dominiert keine der beiden Denkansätze. Zum einen vermutet ein Teil der Autoren, dass die heutige jüngere Generation im Vergleich zu den Jüngeren vergangener Dekaden weniger politisch ist. Zum anderen wird argumentiert, dass die Wahlbereitschaft in jüngeren Jahren geringer ist und mit dem Alter zunimmt. 

Der Einfluss der Wahlnorm auf die Wahlbeteiligung, also der Gang zur Wahlurne aufgrund einer gefühlten Bürgerpflicht,  spielt unbestritten eine große Rolle. Studien können drei verschiedenen Denkansätzen zugeordnet werden: Wahlbeteiligung aufgrund rein intrinsischer Motivation (der Glaube an die Demokratie), Wahlbeteiligung aufgrund Angst vor sozialen Sanktionen und der von Kontextgrößen abhängige Einfluss.

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Studien im Vorfeld der Bundestagswahl 2013

Gespaltene Demokratie – Politische Partizipation und Demokratiezufriedenheit

Stärkste Ursache für Wahlmüdigkeit ist nicht der Protest gegen das politische System, sondern die Gleichgültigkeit – je geringer der Sozialstatus und je größer das politische Desinteresse in Familie und Freundeskreis ist, desto weniger wahrscheinlich wird der Gang zur Wahlurne. Es zeigen sich auch deutliche Unterschiede zwischen den Altersgruppen.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Bertelsmann Stiftung und des Instituts für Demoskopie Allensbach (Juni 2013). Laut Studie verabschieden sich vor allem einkommensschwache und bildungsferne Teile der Bevölkerung zunehmend aus der aktiven Teilhabe an Demokratie. In der Zeit vom 27. März bis zum 12. April 2013 wurden insgesamt 1.548 Personen mündlich-persönlich ("face-to-face") befragt. Die Auswahl der Befragten erfolgte nach dem Quotenverfahren, die Stichprobe ist damit für die deutschsprachige Wohnbevölkerung ab 16 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland repräsentativ.

Das Wahlverhalten differenziert sich nach Einkommensklasse, Bildungshintergrund und Schichtzugehörigkeit. Nach wie vor relativ hoch liegt die Wahlbeteiligung bei den Besserverdienenden, den gut Ausgebildeten mit Abitur und Studium, die sich auch selbst der oberen Mittelschicht oder der Oberschicht zurechnen. Dramatisch geringer ist die Wahlbeteiligung bei Geringverdienern mit niedrigeren Bildungsabschlüssen, die sich selbst der unteren Schicht der Gesellschaft zurechnen. Der typische Nichtwähler ist laut Studie Geringverdiener, bildungsschwach, wohnt häufig in sozialen Brennpunkten und ist nach gängigen sozio-ökonomischen Kriterien Angehöriger der sogenannten Unterschicht.

Die verlässlichsten Wähler sind heute die über 60-Jährigen. Die jüngere Generation interessiert sich heute deutlich weniger für Politik als früher. Es zeigt sich eine zunehmende Entpolitisierung der jüngeren Generation der 16- bis 29-Jährigen. Lag der Indexwert des politischen Interesses der jungen Generation im Jahr 1969 noch bei 95, ist das politische Interesse der Jüngeren bereits 1983 auf 81 und bis heute auf nur noch 55 gesunken. Zwar nimmt das politische Interesse der Jüngeren im weiteren Verlauf ihres Lebens auch heute zu, jedoch auf deutlich niedrigerem Niveau als bei früheren Generationen.

Auch Elemente der direkten Demokratie helfen nicht wirklich weiter: Alle bekannten Formen direkter Demokratie und Bürgerbeteiligung sind sozial noch wesentlich selektiver als der Wahlakt. Wer nicht wählt, beteiligt sich typischerweise auch nicht an Bürgerinitiativen und Volksabstimmungen.

Wer daran etwas ändern will, muss die Einkommens- und Bildungsschwachen ebenso (re)aktivieren, wie die jeweils jüngere Generation der Erstwähler.
Wer sich für Politik interessiert, geht eher wählen. Bürger interessieren sich für Politik, wenn die Politik sich für sie interessiert. Wer in seiner Familie über Politik redet, hat eher Interesse an Politik und geht eher zur Wahl. Was aber, wenn zu Hause am Küchentisch immer weniger über Politik gesprochen wird? Dann muss dies anderswo geschehen. Wie so oft sind auch hier unter anderem die Schulen gefragt.

Studie der Bertelsmann Stiftung und des Instituts für Demoskopie Allensbach: Gespaltene Demokratie – Politische Partizipation und Demokratiezufriedenheit vor der Bundestagswahl 2013. 

Wähler und Nichtwähler in Deutschland

Um im Vorfeld der Bundestagswahl im Herbst 2013 die Nichtwähler und deren Motive besser einschätzen und bewerten zu können, hat der Beirat der ProSiebenSat.1 Media AG sich mit dem Phänomen zunehmender Wahlabstinenz intensiv beschäftigt und forsa gebeten, eine spezifische Untersuchung zu diesem Problem vorzunehmen.

Die Untersuchung zeigt auf, wie gefährlich der Teufelskreis ist zwischen der immer geringer werdenden Bindekraft der Volksparteien, der damit geförderten Wechselbereitschaft, Unsicherheit und letztlich Unzufriedenheit und dem schließlich daraus resultierenden Akt der Wahlenthaltung, der wiederum zur permanenten Wahlverweigerung führen kann. Wird dieser Teufelskreis nicht durchbrochen, ist ein weiterer Anstieg der Zahl der Nichtwähler die zwangsläufige Folge.

Nach dem Ergebnis der vorliegenden Untersuchung scheint eine „nachhaltige“ Erhöhung der Wahlbereitschaft der Wahlbürger nur dann zu erreichen zu sein, wenn die große Entfremdung zwischen Politik und Bürgern reduziert wird. Politiker müssen anfangen, eine verständliche Sprache zu sprechen. Die Politik sollte wieder stärker als heute darauf achten, dass bei politischen Entscheidungsprozessen nicht die Interessen von Minoritäten eine stärkere Berücksichtigung als die Interessen der großen Mehrheit finden.

Neben der Politik müssen aber auch die Medien ihre Rolle bei der Vermittlung von Politik überdenken. Um den Wahlen in Deutschland wieder einen höheren Stellenwert zu geben, müsste man sie von anderen Ereignissen deutlich abheben und die Bedeutung der Stimmabgabe und den Ernst der Wahlhandlung hervorheben und betonen.

forsa. Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen: Wähler und Nichtwähler zu Beginn des Wahljahres 2013 in Deutschland

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