Wahlen in Baden-Württemberg seit 1952 (Archiv)

Bereits 1952 hat die CDU die meisten Stimmen auf sich vereinigt und die Rolle der stärksten Partei in Baden-Württemberg seither nicht wieder abgegeben. Zwanzig Jahre lang, von 1972 bis 1992, konnte sie sogar allein regieren. Nach einer großen Koalition mit der SPD regiert die CDU nun seit 1996 mit der FDP/DVP-Fraktion. Die Liberalen hatten zuletzt ihre traditionell starke Stellung wieder annähernd erreicht und die Rolle der dritten Kraft im Land von den Grünen wieder zurückerobern können. Die Grünen erreichten 1996 ihr bislang bestes Ergebnis. Von 1992 bis 2001 waren die Republikaner im Landtag vertreten.

Seit 1974 können die Wählerinnen und Wähler auch im Rahmen einer Volksabstimmung Einfluss auf die Landespolitik nehmen - z.B. um die vorzeitige Auflösung des Landtags zu erreichen. Dennoch ist und bleibt die - seit 1996 - alle fünf Jahre stattfindende Landtagswahl das klassische Element der demokratischen Willensbildung. Bis 1992 fanden Landtagswahlen alle vier Jahre statt.

In Artikel 27 der Landesverfassung heißt es: "Der Landtag ist die gewählte Vertretung des Volkes". Jeder Abgeordnete ist also Vertreter des ganzen Volkes, er ist nicht an Weisungen gebunden und nur seinem Gewissen verpflichtet.

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Wahlbeteiligung

Die Wahlbeteiligung bei Landtagswahlen lag in Baden-Württemberg schon immer erheblich unter der bei Bundestagswahlen. So nahmen an den Bundestagswahlen seit 1949 im Durchschnitt gut 82 % der wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger teil, während es bei den Wahlen zum Landtag seit 1952 nur rund 68 % waren. Seit der Landtagswahl 1972, bei der ein Wahlbeteiligungsrekord von 80 % erreicht wurde, ist die Beteiligung an Landtagswahlen in der Tendenz rückläufig. Ein historischer Tiefpunkt wurde bei der letzten Landtagswahl im Jahr 2006 erreicht. Nur 53,4 % der Wahlberechtigten beteiligten sich an der Wahl. Damit war die Beteiligungsquote im Vergleich zur Landtagswahl 2001 um 9,2 % gesunken. Die bis dahin geringste Wahlbeteiligung hatte es bei der Landtagswahl 1960 mit 59,0 % gegeben. Die niedrige Wahlbeteiligung bei Landtagswahlen ist allerdings kein spezifisch baden-württembergisches Phänomen, auch bei Landtagswahlen in anderen Bundesländern ist die Wahlbeteiligung häufig gering.

Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg lassen sich allerdings deutlich Differenzen bezüglich der Wahlbeteiligung in den verschiedenen Wahlkreisen feststellen. So ist die Wahlbeteiligung in Gebieten mit hoher Kaufkraft vergleichsweise hoch. Ähnliches gilt für Wahlkreise, in denen überdurchschnittlich viele Protestanten oder Akademiker leben oder die Erwerbslosigkeit niedrig ist. Eine deutliche Abhängigkeit zeigt sich auch zwischen der Wahlbeteiligung und den Gemeindegrößen. Tendenziell gilt: Je größer die Gemeinde, desto geringer die Wahlbeteiligung.

Außerdem lassen sich Unterschiede im Wahlverhalten verschiedener Altersgruppen feststellen. Seit Jahren zeigt sich, dass die Wahlbeteiligung mit dem Alter zunimmt. So gaben bei der Landtagswahl 2006 lediglich rund 33 % der unter 30-Jährigen ihre Stimme ab, während es bei den 60-Jährigen und Älteren immerhin gut 60 % waren. Wegen dieses Trends und wegen der abnehmenden Zahl der jüngeren Wahlberechtigten nimmt die Möglichkeit zur politischen Einflussnahme der jüngeren Baden-Württemberger ab.

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Wählerverhalten in Baden-Württemberg seit 1952

Ausschlaggebend sind die Besonderheiten der baden-württembergischen politischen Kultur: In einem traditionell organisationsfeindlichen Land, in dem persönliche Bindungen mehr zählen als straffe Organisation, zudem mit einem ausgeprägt religiösen Hintergrund, hat es eine eher zentralistische und organisationsgläubige Partei wie die SPD von vornherein schwer. Hinzu kommt eine große Distanz zu allen gesellschaftlichen Umgestaltungsansprüchen. Ein Großteil der Arbeiter sind von Hause aus Arbeiterbauern. Baden-Württemberg ist das klassische Land der Pendler. Alles in allem: Die CDU passte besser zur politischen Kultur des Landes. Nicht nur die CDU, auch die SPD stand in Konkurrenz zur Volkspartei der Liberalen, die immer auch "Kleine-Leute-Partei" war ("ebbes Bäck und ebbes Doktor"). Die CDU hat es langfristig besser vermocht, die Liberalen zu beerben, weil sie eher dem Honoratiorencharakter entsprach. Das alles trifft für den bad. Landesteil weniger zu, wo wir eher das "normale" Wahlverhalten vorfinden. Zu diesem Bild passt die Stärke der Freien Wähler bei Kommunalwahlen: 1999 errangen sie 43,8% der Gemeinderatssitze! Baden-Württemberg war der erste Flächenstaat, in dem die "Grünen" in den Landtag einziehen konnten: 1979; entsprechend der politischen Kultur des Landes ist Baden-Württemberg eine Hochburg der "Realos". Von den ersten anderthalb Jahren nach der Landesgründung abgesehen (1952/53), war die CDU mithin in allen Landesregierungen die führende Partei, die den Ministerpräsidenten stellte, 20 Jahre davon (1972-92) konnte sie allein regieren.

(Quelle: BpB, Land Baden-Württemberg, In: Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik)

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Wahlverhalten

Die Wahlentscheidung (oder auch die Entscheidung, nicht zu wählen) unterliegt vielen verschiedenen Einflüssen. Eine Rolle spielen:

  • der familiäre Hintergrund, das Milieu, aus dem ein Mensch stammt, der Bildungsweg und Bildungsstand oder auch etwaige religiöse Bindungen
  • die aktuelle Lebenssituation: Alter, Familienstand, Beruf, Gehalt und finanzielle Lage oder auch der Wohnort (in der Stadt oder auf dem Land)
  • das persönliche Umfeld: Familie, Freunde oder Kollegen, mit denen Menschen kommunizieren
  • die Medien: welche Medien nutzt ein Wähler (bzw. zu welchen Medien hat er Zugang)?
  • gesellschaftliche Wertorientierungen und die politische Kultur eines Landes

Außerdem reagiert der Wähler mit seiner Wahlentscheidung auf die Bedingungen des Wahlsystems. Bei den Bundestagswahlen beispielsweise geben die wenigsten Wähler ihre Erststimme an den Kandidaten einer kleinen Partei.

Dazu kommen Determinanten der aktuellen Wahl: Wie viele Parteien treten an, und welche Parteien haben erwartungsgemäß eine Chance auf einen Wahlerfolg? Sind Koalitionen wahrscheinlich? Welche Spitzenkandidaten stehen für die Parteien? Welchen Stellenwert hat das zu wählende Organ?

Die Wahlentscheidung ist also im Allgemeinen Ergebnis sowohl mittel- und langfristiger Determinanten als auch kurzfristiger Faktoren. Der Wähler fühlt sich unter Umständen traditionell einer bestimmten Partei verbunden und hat langfristig eine bestimmte Einschätzung der internationalen Lage oder der wirtschaftlichen Situation des Landes entwickelt. Vor einer Wahl beeinflussen außerdem kurzfristige Faktoren wie aktuelle  politische Ereignisse und Streitfragen oder die Wahrnehmung der Kandidaten die Entscheidung des Wählers.

Die kurzfristigen Faktoren können bewirken, dass der Wähler bei seiner Wahlentscheidung von seinen Grundüberzeugungen abweicht und (vorübergehend) entgegen seiner langjährigen Gewohnheiten und Überzeugungen wählt. Die Zahl der Wechselwähler hat in den vergangenen Jahren zugenommen, die langfristige Identifikation mit bzw. Bindung an eine Partei aus Überzeugung (oder auch Gewohnheit) ist deutlich gesunken.

Wahlkampf

Für die Parteien ist es im modernen Wahlkampf besonders wichtig zu wissen, von welchen Gesellschaftsgruppen sie regelmäßig gewählt werden. Im Wahlkampf wird einerseits versucht, die Gruppe der Stammwähler zu mobilisieren. Andererseits gehen die Parteien gezielt auf mögliche Wechselwähler zu.

Der moderne Wahlkampf kennt viel mehr Mittel und Möglichkeiten, an die Wähler heranzutreten, als das bis vor einigen Jahren noch der Fall war. Vor allem der technische Fortschritt hat den Wahlkampf entscheidend verändert.
Per Email können potentielle Wählergruppen kostengünstig und schnell erreicht werden, im Internet können sich die Wähler über Parteien und Kandidaten bequem von zu Hause aus informieren. Darüber hinaus beeinflussen Wahlkämpfe in anderen Ländern die Wahlkämpfe hier zu Lande; ein Beispiel sind „Fernseh-Duelle“ vor den Bundestagswahlen.

Gerade die Rolle, die das Fernsehen in heutigen Wahlkämpfen und der Politikberichterstattung im Allgemein spielt, wird vielfach kritisch gesehen. Die spezifische Art der Informationsvermittlung im Fernsehen, so die Kritiker, überbetonen Faktoren wie Charisma und tragen generell zu einer starken Personenorientiertheit von Politik bei.
Für fundierte Aussagen zu Sachthemen ist das Format dagegen weniger geeignet. Statt dessen überwiegen vereinfachende und oberflächliche Aussagen und kurzfristig orientierte Argumentationen.

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Wählerverhalten in Baden-Württemberg

Das Wahlverhalten wird unter anderem durch die politische Kultur eines Landes geprägt. Die politische Kultur in Baden-Württemberg weist einige Eigenheiten auf. So gilt besonders der württembergische Landesteil als traditionell organisationsfeindlich, also als ein Land, in dem persönliche Bindungen mehr zählen als straffe Organisation. Dazu kommt noch ein ausgeprägt religiöser Hintergrund. In einem solchen Land hat es eine Partei wie die SPD von vornherein schwer.

Außerdem besteht in Baden-Württemberg eine große Distanz zu allen gesellschaftlichen Umgestaltungsansprüchen. Das führte in der Vergangenheit zu einer anhaltenden Stärke der CDU und der Liberalen. Die Liberalen waren im „Ländle“ sogar lange Zeit eine Art Volkspartei, die immer auch "Kleine-Leute-Partei" war ("ebbes Bäck und ebbes Doktor") und zur CDU und SPD in Konkurrenz stand. Mit den Jahren sind die Liberalen allerdings schwächer geworden. Das alles trifft für den badischen Landesteil weniger zu, wo das Wahlverhalten eher "normal" erscheint.

Charakteristisch für das Parteiensystem Baden-Württembergs ist: Erstens eine seit Jahrzehnten bestehende Dominanz der CDU, zweitens eine traditionell überdurchschnittlich starke Stellung der Liberalen und drittens eine dementsprechend unterdurchschnittliche Bedeutung der SPD. Von den ersten anderthalb Jahren nach der Landesgründung abgesehen (1952/53), war die CDU mithin in allen Landesregierungen die führende Partei, die den Ministerpräsidenten stellte, 20 Jahre davon (1972-92) konnte sie allein regieren. Baden-Württemberg war aber auch der erste Flächenstaat, in dem die "Grünen" in den Landtag einziehen konnten: 1980; entsprechend der politischen Kultur des Landes ist Baden-Württemberg eine Hochburg der "Realos".

Doch auch innerhalb Baden-Württembergs gibt es in den verschiedenen Wahlkreisen deutliche Unterschiede im Wahlverhalten der Bürger. So ist in ländlichen Gebieten die CDU traditionell besonders erfolgreich, während in den urban geprägten Gebieten mit hoher Bevölkerungsdichte die SPD ihre besten Ergebnisse erzielt und die CDU eher unterdurchschnittlich abschneidet. In Wahlkreisen mit hohem Akademikeranteil erhalten die Grünen überdurchschnittlich viele Stimmen.

SPD und Grüne sind in Wahlkreisen mit einem hohen Anteil an Beschäftigten im Dienstleistungsgewerbe besonders erfolgreich. In Wahlkreisen mit einem hohen Anteil Beschäftigter im produzierenden Gewerbe blieben die Grünen dagegen unter dem Landesdurchschnitt. Die Sozialdemokraten erhalten auch in Wahlkreisen mit hohen Erwerbslosenquoten überdurchschnittlich viele Stimmen, während die FDP in Wahlkreisen, in denen die Bevölkerung über eine hohe Kaufkraft verfügt, besonders erfolgreich ist.

Auch zwischen Wahlverhalten und Konfessionszugehörigkeit besteht ein Zusammenhang: So verzeichnet die CDU in Landtagswahlkreisen mit hohem Katholikenanteil weit überdurchschnittliche Wahlergebnisse, während in protestantischen geprägten Gebieten die FDP besonders erfolgreich ist. Das alles macht deutlich, dass auch in Baden-Württemberg das Wahlverhalten in besonderer Weise durch die Lebensumstände des jeweiligen Wählers beeinflusst wird.

(Quelle: BpB, Land Baden-Württemberg, In: Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik) 

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Hier ein Auszug aus dem Wahlnachtbericht zur Landtagswahl 2001 des Statistischen Landesamts:

"In welchen Wahlkreisen war die Wahlbeteiligung bei der Landtagswahl 2001 besonders hoch, in welchen besonders niedrig?

Bei der Betrachtung der Wahlbeteiligung in verschiedenen Gebietstypen fällt auf, dass in Wahlkreisen, in denen überdurchschnittlich viele Protestanten leben, der Wahleifer deutlich über dem Landesdurchschnitt lag. So betrug die Wahlbeteiligung landesweit 62,6 %, in Gebieten mit hohem Anteil evangelischer Bevölkerung lag sie jedoch bei 64,6 %. Demgegenüber wurde in Wahlkreisen, in denen verhältnismäßig viele Katholiken leben, eine unterdurchschnittliche Wahlbeteiligung von lediglich 60,5 % beobachtet.

Ferner zeigte sich ein gewisser Zusammenhang zwischen Wahlbeteiligung und der in den Wahlkreisen vorhandenen Kaufkraft der dortigen Bevölkerung: In Gebieten mit einer niedrigen Kaufkraft machten lediglich 58,7 % der Wahlberechtigten von ihrem Wahlrecht Gebrauch; umgekehrt lag die Wahlbeteiligung in Gebieten mit hoher Kaufkraft bei 65,5 %.

Auch in Wahlkreisen mit einem hohen Prozentsatz an Akademikern nahmen mit 62,8 % etwas überdurchschnittlich viele Wähler ihr Wahlrecht wahr; dagegen lag die Wahlbeteiligung in Wahlkreisen mit einem geringeren Akademikeranteil mit 60,5 % niedriger.

Nennenswerte Unterschiede in der Wahlbeteiligung waren ferner in Wahlkreisen mit hoher beziehungsweise niedriger Erwerbslosenquote zu beobachten. So gaben die Wahlberechtigten in Wahlkreisen mit niedriger Erwerbslosigkeit häufiger ihre Stimme ab (61,4%) als in jenen mit einer hohen Erwerbslosenquote (59,0 %). Nur geringe Unterschiede in der Wahlbeteiligung ergaben sich bei der gestrigen Wahl zwischen Wahlkreisen mit hoher und solchen mit niedriger Bevölkerungsdichte."

(Quelle: Statistisches Landesamt)

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Weiterführende Links

Statistisches Landesamt Baden-Württemberg:
Landesdaten
Landtagswahlen – Daten zu Baden-Württemberg 
Ergebnisse der Landtagswahlen in Baden-Württemberg seit 1952
Sitzverteilung im Landtag von Baden-Württemberg seit 1952 

Bundeszentrale für politische Bildung:
Nichtwählen - eine neue Option? (aus: Aus Politik und Zeitgeschichte, 21/2002)
Nicht- und Protestwähler

Wählerverhalten:
BpB: Wählerverhalten (In: Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik)
BpB: Wahlen in Deutschland
BpB: Land Baden-Württemberg, In: Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik

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