Bildungspolitik

Bildungspolitik ist eine der wichtigsten Aufgaben der Landespolitik – und wird (nicht nur) von Betroffenen häufig besonders emotional diskutiert. Das hat sich in den vergangenen Jahren an mehreren Themen wie der Einführung der Gemeinschaftsschule, der Inklusion von Kindern von Behinderungen oder dem neuen Bildungsplan gezeigt.

Die Gemeinschaftsschule

In Baden-Württemberg hat die grün-rote Landesregierung zum Schuljahr 2012/2013 die Gemeinschaftsschule als neuen Schultyp eingeführt. Anfang 2016 existieren im ganzen Land 271 Schulen des neuen Typs. In der Regel sind es frühere Haupt- oder Realschulen, die in Gemeinschaftsschulen umgewandelt werden.

Die Besonderheit des Schultyps besteht darin, dass unterschiedlich leistungsstarke Kinder an einer Bildungseinrichtung lernen. Das Sitzenbleiben ist abgeschafft, Noten werden in der Regel nur im Abschlusszeugnis vergeben. Die Gemeinschaftsschule umfasst in der Regel die Klassen 5 bis 10. Schüler können einen Hauptschulabschluss oder die Mittlere Reife erlangen. Oberstufen, die zum Abitur führen, können eingerichtet werden, wenn mindestens 60 Schüler dafür vorhanden sind. Das könnte frühestens im Schuljahr 2018/19 der Fall sein.

Das Gymnasium bleibt in Baden-Württemberg der beliebteste Schultyp: zum Schuljahr 2014/15 wechselten fast 45 Prozent der Grundschüler dorthin. 35 Prozent gingen auf eine Realschule. Seitdem Eltern frei wählen können, auf welche weiterführende Schule sie ihr Kind schicken, ist die Beliebtheit der Haupt-/Werkrealschulen stark zurückgegangen (9 Prozent). Bei den Gemeinschaftsschulen nehmen die Zahlen zu, auch weil in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Einrichtungen eröffnet wurden (10 Prozent).

Was sagen die Parteien zur Gemeinschaftsschule?

 Die Gemeinschaftsschulen kritisiert die CDU scharf: als Einrichtungen, „in der alle Kinder vom Sonderschüler bis zum Hochbegabten in einer Gruppe unterrichtet werden, in der Lehrer nur noch Lernbegleiter sind, eine Schule ohne Noten und ohne „Sitzenbleiben“. Deshalb wollen die Christdemokraten keine neuen Gemeinschaftsschulen einrichten. Die bereits Bestehenden sollen allerdings nicht abgeschafft werden. Die „finanzielle Überprivilegierung“ des neuen Schultyps will die CDU allerdings beenden. Leistungen sollen wieder mit Noten bewertet und das Sitzenbleiben wieder eingeführt werden. Gemeinschaftsschulen sollen keine Oberstufen einrichten können, die zum Abitur führen – begabte Schüler sollen an berufliche Gymnasien wechseln können. Auch die Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung monieren die Christdemokraten.

Die Einführung der Gemeinschaftsschule sehen die Grünen als Erfolg: diese sei eine „lange überfällige“ und sozial gerechte Schulform. Die Nachfrage nach dem neuen Schultyp sei deshalb groß. Die Grünen setzen sich dafür ein, dass zukünftig überall in Baden-Württemberg Kinder die Option erhalten, eine Gemeinschaftsschule zu besuchen. Zukünftig sollen Einrichtungen mit einer ausreichend großen Schülerzahl eine eigene Oberstufe einrichten und das Abitur anbieten können: „Die Gemeinschaftsschule eröffnet somit einen neunjährigen Weg zum Abitur.“

Die Sozialdemokraten sehen die Gemeinschaftsschulen als Erfolgsmodell: diese biete „Kindern und Jugendlichen die bestmögliche individuelle Förderung, ein breites Spektrum unterschiedlicher Anforderungsniveaus und die Möglichkeit, sämtliche Schulabschlüsse zu erreichen“. Außerdem verhindere sie Schulschließungen im ländlichen Raum. Die SPD will deshalb am „bedarfsorientierten Ausbau“ des neuen Schultyps festhalten. Auf Antrag des Schulträgers sollen gymnasiale Oberstufen eingerichtet werden können.

Die Liberalen lehnen ein „radikales Umkrempeln unseres bisher sehr erfolgreichen Bildungssystems ab“. Sie wollen die „finanzielle Privilegierung“ der Gemeinschaftsschule beenden. Obwohl die Liberalen nicht glauben, „dass sich die zahlreichen Hoffnungen erfüllen werden, die sich die Befürworter der Gemeinschaftsschule versprechen“, sollen die bestehenden Einrichtungen Bestandsschutz erhalten. Zukünftig sollen Verantwortliche in sogenannten „Bildungsregionen“ eigenständig darüber entscheiden, welche Schulen in einem Gebiet eingerichtet werden.

Was sagen die Parteien zur Ganztagsschule?

 Die Christdemokraten kritisieren die "einseitige Förderung der verpflichtenden Ganztagsschule durch die grün-rote Landesregierung". Schulen sollen selber entscheiden können, ob sie ein Ganztagesangebot schaffen. Familien sollen sich allerdings darauf verlassen können, dass Schulkinder bei Bedarf auch nachmittags betreut werden. Dafür sollen die Ganztagesschulen qualitativ und quantitativ ausgebaut werden. Die Kernzeitenbetreuung soll bis in die 7. Klasse verlängert werden. Berufstätige sollen ein "qualitativ gutes Ganztagesangebot in erreichbarer Nähe" vorfinden.

 Ganztagsschulen seien "nicht nur wichtig für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sondern leisten auch einen wichtigen Beitrag zu Chancen- und Bildungsgerechtigkeit", heißt es im Wahlprogramm der Grünen. Deshalb sollen Ganztagsschulen weiter ausgebaut werden. Eine weitere grün-geführte Landesregierung werde dafür die notwendigen Lehrerstellen schaffen. Die Grünen begrüßen es, wenn Sportvereine, Musikschulen und Jugendkunstschulen Angebote an Ganztagsschulen machen.

Die Sozialdemokraten wollen allen Eltern in Baden-Württemberg eine "Ganztags-Garantie" geben: sie sollen sich darauf verlassen können, dass ihre Kinder - falls gewünscht - vom ersten Geburtstag bis zum letzten Schultag ganztags betreut werden. Bis zum Jahr 2023 sollen 70 Prozent aller Grundschulen zu Ganztagsschulen werden. Die Kommunen sollen vor Ort entscheiden, ob eine Ganztagschule gewünscht wird - und wenn ja, ob diese verbindlich oder frei wählbar sein soll. Auch weiterführende Schulen sollen die Möglichkeit erhalten, sich in eine Ganztagsschule umzuwandeln.

Die Eltern von Grundschülern sollen die Wahl haben, ob sie ihr Kind "für eine verpflichtend-rhythmisierte Ganztagsbetreuung, für offene Angebote am Nachmittag oder nur zu einem wesentlich am Vormittag stattfindenden Unterricht anmelden", heißt es im Parteiprogramm der FDP. Ganztagsangebote sollen vom Land gefördert werden - egal, ob Ganztagsschulen, Horte oder freie Träger diese anbieten. Die Liberalen wollen außerdem darauf achten, dass Ganztagsangebote die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie tatsächlich verbessern - dafür sollen sie "die übliche Arbeitszeit plus Fahrzeiten durch die Betreuung" abdecken.

Weitere Informationen:

SWR: Der Themen-Check Wahlkampfthema Bildung

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