Foto: LMZ Baden-Württemberg

Religionen und Konfessionen

Dorothea Urban

Die konfessionelle Landkarte Baden-Württembergs präsentiert sich auf den ersten Blick recht ausgewogen: Rund 4,1 Millionen Katholiken stehen 3,6 Millionen Protestanten gegenüber. Hinter diesen Zahlen verbergen sich allerdings deutliche regionale Unterschiede, die sich seit der Reformation und der Konfessionsbildung ausgeformt und verfestigt haben. Trotz der tiefgreifenden demographischen und gesellschaft lichen Veränderungen, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollzogen haben, lassen sich noch immer die historisch gewachsenen konfessionellen Grundstrukturen in Baden-Württemberg erkennen.

Religionsangehörigkeit in Baden-Württemberg, 2011. Grafik: Anna Vogel. Hintergrund: Münster Unserer Lieben Frau in Lindau. Foto: MaxMann, pixabay, CC0 Public Domain.

Historische Zersplitterung

Seit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 galt die Regel, dass der Landesherr das Bekenntnis in seinem Territorium bestimmt („cuius regio eius religio“). Die Konfession der Untertanen war somit durch die Obrigkeit vorgegeben. Im Fall des Widerspruchs blieb letztlich nur die Auswanderung. Die verschiedenen Konfessionsräume bilden daher auch die territoriale Zersplitterung des deutschen Südwestens in der Zeit des Alten Reiches vor 1803 bzw. 1806 ab. So ist in weiten Teilen des ehemaligen Herzogtums Württemberg die Bevölkerung überwiegend evangelisch. Auch in Baden zeigen sich die älteren Herrschaftsverhältnisse noch deutlich: die Markgrafschaft Durlach und die Kurpfalz sind evangelisch, Baden-Baden ist katholisch, ebenso die ehemals vorderösterreichischen Gebiete im Breisgau, im Südschwarzwald und in der Ortenau. Oberschwaben, die neuwürttembergischen Gebiete in Ostwürttemberg, die Besitzungen des Deutschen Ordens sowie die „eingesprenkelten“ bischöflichen und klösterlichen Gebiete sind ebenfalls mehrheitlich katholisch.

Nur in wenigen Städten gab es ein unmittelbares Zusammenleben der Konfessionen. Eine Sonderrolle nehmen hier die beiden paritätischen ehemaligen Reichsstädte Biberach und Ravensburg ein, in denen beide Konfessionen gleichgestellt waren. In der protestantischen Kurpfalz um Mannheim und Heidelberg konnte sich im 18. Jahrhundert eine starke katholische Minderheit etablieren.

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Wandel der konfessionellen Verhältnisse

Im 19. Jahrhundert begannen sich die tradierten konfessionellen Verhältnisse zunächst in den größeren Städten vor allem aufgrund der steigenden Mobilität zu verschieben. So stieg der Bevölkerungsanteil der jeweils anderen Konfession vor allem in Ulm, Stuttgart, Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe und Freiburg an. Doch erst die tiefgreifenden Bevölkerungsverschiebungen nach dem Zweiten Weltkrieg brachen die geschlossenen Konfessionsräume in Baden-Württemberg dauerhaft auf. Die Heimatvertriebenen, die im Südwesten aufgenommen wurden – mehrheitlich Katholiken –, veränderten die lokalen und regionalen konfessionellen Verhältnisse tiefgreifend. In den folgenden Jahrzehnten stieg der Katholikenanteil in Baden-Württemberg weiter an, da die Zuwanderer aus dem romanischen Mittelmeerraum fast ausschließlich katholisch waren. Zudem waren die Geburtenraten des katholischen Bevölkerungsanteils konstant höher als die der Protestanten. Daher verschoben sich die Zahlenrelationen zwischen den beiden großen Konfessionen 1966/67 erstmals zugunsten der Katholiken – ein Trend, der bis heute anhält.

Heute sind noch etwa 7,6 Millionen der 10,7 Millionen Baden-Württemberger Mitglieder der katholischen oder der evangelischen Kirche. Neben den Kirchenaustritten, die seit Mitte der 1960er Jahre deutlich zunehmen, und dem verstärkten Zuzug von konfessionell nicht gebundenen Deutschen aus der ehemaligen DDR spielt bei der Abnahme des konfessionell gebundenen Bevölkerungsanteils auch die Struktur der nicht deutschen Bevölkerung eine Rolle. Die „Gastarbeiter“ der ersten Generation kamen noch vorwiegend aus katholischen Ländern (Italien, Spanien, Portugal, Kroatien) und kehrten oftmals wieder in ihre Heimatländer zurück.

Dagegen stieg der Anteil von Einwanderern aus muslimischen Ländern, vor allem aus der Türkei, aber auch aus den Bürgerkriegsländern des Balkan,  deutlich an. Begünstigt durch die im Vergleich zur deutschen Bevölkerung höheren Geburtenraten von Muslimen verdoppelte sich die Zahl der Muslime von etwa 270.000 im Jahr 1987 auf derzeit geschätzte 600.000.

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