Foto: LMZ Baden-Württemberg

Entstehung des Landes

Dr. Reinhold Weber

„Es ist 12 Uhr 30 Minuten. (…) Mit dieser Erklärung (…) sind die Länder Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern zu einem Bundesland vereinigt. (…) Gott schütze das neue Bundesland!“


Stuttgart, 25. April 1952: Auf der Tagesordnung der Verfassunggebenden Versammlung des noch namenlosen „südwestdeutschen Bundeslandes“ steht die Wahl des Ministerpräsidenten. Von 120 Stimmzetteln tragen 64 den Namen des Liberalen Reinhold Maier, 50 den des Christdemokraten Gebhard Müller. An jenem Freitag tritt Maier an das Rednerpult und präsentiert völlig überraschend die Ernennungsurkunden der Kabinettsmitglieder. Es sind Vertreter der DVP (FDP), sowie der SPD und der Vertriebenenpartei BHE. Die CDU als stärkste Fraktion ist ausgebootet. In einer denkwürdigen Minute zieht Reinhold Maier seine goldene Taschenuhr und ruft aus: „Es ist 12 Uhr 30 Minuten. (…) Mit dieser Erklärung (…) sind die Länder Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern zu einem Bundesland vereinigt. (…) Gott schütze das neue Bundesland!“

Führungsansprüche

Mit der Regierungsbildung war der Südweststaat Realität – gegründet in einer der turbulentesten Szenen, die das Landesparlament bis heute gesehen hat. Es war ein „schwarzer Freitag“ für die CDU, die davon ausgegangen war, ihren Führungsanspruch und mit Gebhard Müller ihren „ehrlichen Makler“ zwischen Badenern und Württembergern als Regierungschef durchsetzen zu können.

Reinhold Maier hingegen hatte seinem Ruf als gewiefter Taktiker alle Ehre gemacht und in einem „Überrumpelungsmanöver“ – so seine Widersacher – die CDU ausgetrickst. Der erste Ministerpräsident des Südweststaates war ein Liberaler, der bis heute einzige Ministerpräsident der FDP in einem der deutschen Länder. Allerdings blieb Maier nur für anderthalb Jahre im Amt. Anschließend regiert die CDU fast 60 Jahre lang das Land.

Im Sinne der Psychologie des Zusammenwachsens hatte Maier Porzellan zerschlagen. Vor allem den katholischen Südbadenern galt er als Urbild „schwäbischer Annexionsgelüste“. Von einer „Brachialfusion“ war auf altbadischer Seite die Rede – zumindest mit Brachialvokabular wurde auf allen Seiten nicht gegeizt. Die Motive Maiers, die CDU als stärkste Fraktion in die Opposition zu schicken, waren  vielfältiger, nicht zuletzt bundespolitischer Art, denn schließlich ging es um die Mehrheit im Bundesrat, wo Adenauer – auch deshalb kein Befürworter des Südweststaates – um die Zustimmung zur Westintegration bangte.

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"Glücksfall der Geschichte"

Von einer komplikationsfreien Geburt des Landes kann also keine Rede sein. Dennoch hat sich die Neugliederung im Südwesten als „Glücksfall der Geschichte“ (Theodor Heuss) erwiesen.

Bis zum heutigen Tag ist Baden-Württemberg das einzige Beispiel, bei dem die Bevölkerung erfolgreich über die Neugliederung eines deutschen Landes abgestimmt hat. Das Land hat sich einen geachteten Platz in der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Landschaft Deutschlands erobert. Der Trennungsstrich zwischen den beiden Landesteilen im Namen Baden-Württemberg ist zum echten Bindestrich geworden, ohne dass die regionale Vielfalt des Landes eingeebnet worden wäre.

Kulturelle Vielfalt als historische Bedingung

 

Vieles spricht dafür, dass die kulturelle und historische Vielfalt des Südwestens keineswegs eine Hypothek für das Zusammenwachsen der Landesteile war, sondern geradezu eine Bedingung. Wäre es in den Jahren vor und nach 1952 darum gegangen, zwei große, in sich geschlossene Blöcke – Baden und Württemberg eben – zu verschmelzen, so wäre dies wohl schwieriger gewesen. So aber ging es darum, kleinere Traditionsbereiche aufeinander abzustimmen.

Insofern garantiert die Vielfalt des Landes seine Einheit. Dennoch gilt zu betonen: Das neue Land Baden-Württemberg ist im Gefolge der Besatzungs- und Nachkriegszeit entstanden. Niemals zuvor hatte sein Gebiet eine Einheit gebildet. Es bedurfte zahlreicher Anstöße von außen.

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Gründung des Landes Baden-Württemberg

 

Hören Sie hier das Tondokument vom 25. April 1952, in dem Reinhold Maier (FDP) die Gründung des Landes Baden-Württemberg verkündet.

 
 
 
 
 

 

Die Stationen auf dem Weg zum Südweststaat schildert Theodor Eschenburg anschaulich aus der Kenntnis dessen, der an zentraler Stelle mitbeteiligt war.

Die Entstehung Baden-Württembergs

Das Bild zeigt Theodor Eschenburg und Ministerpräsident Gebhard Müller 1956 in Stuttgart.