Die Geschichte des Südwesten

Die Geschichte des Südwesten reicht natürlich viel weiter zurück als bis zu jenem Tag im Jahre 1952, als das Land Baden-Württemberg in seinen heutigen Grenzen aus der Taufe gehoben wurde. Nachweise kulturellen Lebens im heutigen Baden-Württemberg reichen 35.000 bis 40.000  Jahre zurück. So alt sind die Funde der ältesten bekannten Musikinstrumente der Menschheit (Elfenbeinflöte) und Kunstwerke (Venus, Löwenmensch, Mammut), die in Höhlen der Schwäbischen Alb entdeckt wurden.

Frühzeit: Römer und Alemannen prägen das Land

Griechische Schriftsteller bezeichnen die im fünften Jahrhundert v.Chr. in Südwestdeutschland lebende Bevölkerung als "Kelten". Verschiedene germanische Stämme wie Kimbern, Teutonen und Sueben (daher: Schwaben) ziehen ins Land.

Für die zur Zeit von Jesus Christus und Kaiser Augustus im Land lebende Bevölkerung taucht schließlich der Name  Alamannen (Alemannen) auf. Erstmals verbürgt ist der Begriff aber für den Feldzug des römischen Kaisers Caracalla gegen eben diesen Germanenstamm im Jahre 213. Noch heute wird weltweit (vor allem in der spanisch und portugiesisch sprechenden Welt) der Begriff Alemania mit Deutschland gleichgesetzt oder assoziiert.

Unter den Kaisern Augustus, Claudius, Vespasian und Domitian dringen die Römer immer wieder tief in germanisch-alemannisches Siedlungsgebiet vor und hinterlassen ihre (eindrucksvollen) kulturellen Spuren.

Als die Alemannen im Jahr 259/260 n.Chr. den Limes überrennen und bis nach Oberitalien vordringen geht die Zeit römischer Herrschaft zwischen Rhein, Neckar und Bodensee ihrem Ende entgegen.

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Mittelalter und Renaissance: Baden und Württemberg entstehen


Der Feudalismus hält Einzug im Land. Dem Herzogtum Schwaben entstammen in Zeiten der sächsischen, salischen und staufischen Herrschaft (911-1268) zahlreiche Könige und Kaiser für die "teutschen" Throne.

Die Begriffe Baden (1112) und Wirtemberg (1092) werden in jener Zeit erstmals urkundlich erwähnt. Im Spätmittelalter vom 13. bis 15. Jahrhundert erfolgt jene unfruchtbare territoriale Zersplitterung des Südwestens, die erst durch Napoleon und schließlich die Staatsgründung Baden-Württembergs wieder aufgehoben wird. Ein herausragendes Dokument deutscher Parlamentsgeschichte ist sicher die "Magna Carta" Altwürttembergs, der so genannte Tübinger Vertrag von 1514, der Grundrechte für seine Bürger festschreibt.

Verfassungen.de: Tübinger Vertrag

Das 17. Jahrhundert wird zur Katastrophe im Land. Durch den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) verliert Deutschland zwei Drittel seiner Bevölkerung. Den deutschen Südwesten trifft es besonders hart: Weite Landstriche werden verwüstet und entvölkert, neben Mord und Totschlag suchen Hunger und Epidemien das Land heim. Erst nach beinahe einem Jahrhundert kann sich der Südwesten von diesem Schlag einigermaßen erholen.

1806 profitieren Baden und Württemberg von den napoleonischen Neuordnungen. Die Größe der Territorien wächst beinahe um das Fünffache. Baden wird zum Großherzogtum und Württemberg zum Königreich.

In der frühindustriellen und revolutionären Zeit des 19. Jahrhunderts spielt das Land wieder eine bedeutende Rolle. Einerseits durch wirtschaftliche Entwicklungen und Erfindungen, andererseits durch aktives Mitwirken an revolutionären und frühdemokratischen Aktivitäten. Die Freiheitsbewegung in der Mitte des 19. Jahrhunderts entsteht maßgeblich im deutschen Südwesten, insbesondere im Großherzogtum Baden. Die Landesparlamente in Karlsruhe und Stuttgart sind das Vorbild für das erste gesamtdeutsche Parlament, die Frankfurter Nationalversammlung 1848/49. Das Prinzip der konstitutionellen Monarchie hält sich auf deutschem Boden bis zum Ende des Ersten Weltkrieges.

LpB: Zeitschrift "Deutschland & Europa" - 1848/49 Revolution

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Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert: Erster Weltkrieg und Demokratisierung

Von 1850 bis 1945 bleibt die territoriale Gliederung im Südwesten praktisch unverändert. Reformen im Sinne von mehr Demokratie und Mitbestimmung sind im Kaiserreich entweder gar nicht oder nur nach mühseligem Kampf durchsetzbar.

Zwar gibt es allgemeine, freie und geheime Wahlen, aber immer noch ist die Mehrheit von diesen Wahlen ausgeschlossen. Stimmberechtigt ist nur der über 25-jährige männliche Teil der Bevölkerung. Und bei vielen Fragen behält der Monarch das letzte Wort.

Nach dem verlorenen ersten Weltkrieg verläuft die Demokratisierung im Südwesten unblutig (im Gegensatz zu dem revolutionären Wandel in anderen Regionen Deutschlands). Die Monarchen danken ab, ausschließlich von der Volksgewalt gestützter Parlamentarismus halten mit der Weimarer Republik Einzug. Die Entwicklung im Südwesten schreitet schnell voran, die zwanziger Jahre bringen zunächst wirtschaftlichen Aufschwung und Ruhe ins Land.

Die schwere Rezession in Amerika 1929/30 schwappt jedoch schließlich auch auf den alten Kontinent über. Mit der Weltwirtschaftskrise beginnt der Aufstieg der Nationalsozialisten.

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1933-1939: Nationalsozialismus im Südwesten

Insbesondere in Württemberg kann die NSDAP anfänglich nur schlechte Wahlergebnisse bei den Reichstagswahlen erzielen. Diese Anomalie ist besonders hinsichtlich der Sozialstruktur Württembergs auffällig. Protestantisch, mittelständisch und stark landwirtschaftlich geprägte Regionen gelten eigentlich als erfolgsversprechend  für die NSDAP. Gerade in Württemberg allerdings setzt die Weltwirtschaftskrise erst spät und in abgeschwächter Form ein.

Adolf Hitler 1938. Foto: Deutsches Bundesarchiv, Bild 183-H1216-0500-002
Adolf Hitler 1938. Foto: Deutsches Bundesarchiv, Bild 183-H1216-0500-002

Nach der Machtergreifung Hitlers wehen im März 1933 die nationalsozialistischen Banner in den Parlamenten des deutschen Südwesten. Mit dem zweiten Gleichschaltungsgesetz (Reichsstatthaltergesetz vom 7. April 1933) werden die Landesregierungen beseitigt und stattdessen  Reichsstatthalter eingesetzt. SPD und KPD werden verboten, alle anderen Parteien lösen sich nacheinander auf. Das Gesetz über den "Neuaufbau des Reichs" hebt die Landtage ganz auf und überträgt die Hoheitsrechte auf das Reich.

1938 werden Land- und Stadtkreise neu eingeteilt (die neuen Großkreise bestehen bis 1973). Im November des selben Jahres kommt es zu so genannten Judenpogromen, auch im Südwesten ("Reichsprogromnacht"). Bis 1939 werden allein in Württemberg vierzig Synagogen zerstört.

Zwischen 1933 und 1939 stieg die Beschäftigung in der südwestdeutschen Industrie stark an. Auch die Einwohnerzahl nahm zu. Autoindustrie, Maschinenbau und andere wichtige Industriebereiche spielen als potentielle Rüstungsindustrien eine entscheidende Rolle in der Kriegsplanung Hitlers.

Hitler besuchte in seiner Regierungszeit Stuttgart nur ein einziges Mal. Dabei wurde ihm - eine legendäre Episode - bei seiner Rundfunkansprache das Sendekabel durchschnitten.

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1939-1945: Der zweite Weltkrieg im Südwesten

Dem Massenmord der Nationalsozialisten an der deutschen Zivilbevölkerung fielen im Südwesten ca. 12.000 Juden, 10.000 Kranke sowie eine unbekannte Anzahl von Regimegegnern sowie Sinti und Roma zum Opfer.

Am 1. September 1939 bricht der Krieg aus. Lebensmittelkarten werden schon kurz vor Kriegsausbruch eingeführt, im November auch Kleiderkarten. Am 8. November scheitert ein Bombenattentat des schwäbischen Schreiners Johann Georg Elser auf Adolf Hitler. Elser wird in den letzten Kriegswochen hingerichtet.

Foto: Robert Bothner, LMZ.
Das Zentrum Stuttgarts, fotografiert von der amerikanischen Luftwaffe (Sommer 1945). Foto: Robert Bothner, LMZ.

Nachdem der Südwesten in den ersten Kriegsjahren noch relativ verschont bleibt, erreicht in den Jahren 1944 und 1945 der Luftkrieg Süddeutschland. Pforzheim und Heilbronn werden fast völlig zerstört. Stuttgart, Mannheim, Friedrichshafen, aber auch kleine Ortschaften auf dem Land werden schwer getroffen.

Ende April 1945 ist die Herrschaft Hitlers im Südwesten vorbei. Das Land ist von Franzosen und Amerikanern besetzt. Am 8. Mai erfolgt die bedingungslose Kapitulation Deutschlands. Die schwere Nachkriegszeit und der Wiederaufbau beginnen.

LpB: Gedenkstätten in Baden-Württemberg
      
LpB: Bausteine
Diese Arbeithilfen möchten in den Schulen wie in der Jugend- und Erwachsenenbildung die historischen Fakten und Vorgänge in der Zeit des Nationalsozialismus in Erinnerung rufen und auf die Verantwortung für die eigene Geschichte hinweisen.
www.lpb-bw.de/bausteine0.html

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1945-1952: Die Entstehung des Südweststaats

vereinigtes europa. Foto: Jäger, LMZ.
Plakat von 1951/52 zur Abstimmung über den Südweststaat. Foto: Jäger, LMZ.

Das Gebiet im Südwesten war nach der Besetzung Deutschlands durch die amerikanischen und französischen Besatzer dreigeteilt worden. Die Amerikaner bastelten aus den von ihnen besetzten Gebieten Nordbaden und Nordwürttemberg das Gebiet Württemberg-Baden mit der Hauptstadt Stuttgart. Die Franzosen machten aus dem Süden Württembergs und Hohenzollern das Land Württemberg-Hohenzollern mit der Hauptstadt Tübingen, und aus dem südbadischen Landesteil wurde Baden mit der Landesmetropole Freiburg.

Neu war die Idee nicht, Baden und Württemberg zu vereinen. Bereits im 19. Jahrhundert und in der Weimarer Republik hatten einige Politiker laut darüber nachgedacht. Der erste "Signalstoß" nach 1945 kam aus Stuttgart. Dort hatte im Herbst 1946 die württemberg-badische Verfassungsgebende Landesversammlung einen entscheidenden Schritt in Richtung Südweststaat getan: Nach Art. 107 sollten Verfassungsänderungen bei einer Vereinigung mit Südwürttemberg und Südbaden mit einfacher Mehrheit beschlossen werden können.Der nächste Anstoß zur Lösung des Problems kam von außen: Am 1. Juli 1948 erteilten die drei Militärgouverneure im westlichen Teil Deutschlands den elf Regierungschefs mit dem Frankfurter Dokument Nr. 2 den Auftrag, einen Vorschlag für eine Neuregelung der Länder zu erarbeiten. Nach Fläche und Einwohnerzahl sollten dabei möglichst ausgewogene Länder entstehen. Jahrelange Regierungsverhandlungen folgten. Dabei gab es ein fast unlösbares Problem: Die Regierungen von Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern wollten zusammen mit Baden ein Gesamtland bilden. Das aber lehnte Baden kategorisch ab. Im April 1951 wurde schließlich das "Zweite Neugliederungsgesetz" verabschiedet. Danach sollte ein Südweststaat dann gebildet werden, wenn in drei von den vier Abstimmungsbezirken (Nord- und Südwürttemberg, Nord- und Südbaden) eine Mehrheit für den Zusammenschluss stimmte. Am 9. Dezember 1951 fiel die Entscheidung: In den drei Abstimmungsbezirken Nord- und Südwürttemberg sowie Nordbaden stimmte die Mehrheit der Bevölkerung für den Südweststaat. Nur in Südbaden votierte die Mehrheit für die alten Länder.

Am 25. April 1952 steht auf der Tagesordnung der Verfassunggebenden Versammlung des noch namenlosen „südwestdeutschen Bundeslandes“ die Wahl des Ministerpräsidenten. Von 120 Stimmzetteln tragen 64 den Namen des Liberalen Reinhold Maier, 50 den des Christdemokraten Gebhard Müller. An jenem Freitag tritt Maier an das Rednerpult und präsentiert völlig überraschend die Ernennungsurkunden der Kabinettsmitglieder. Es sind Vertreter der DVP (FDP), sowie der SPD und der Vertriebenenpartei BHE. Die CDU als stärkste Fraktion ist ausgebootet. In einer denkwürdigen Minute zieht Reinhold Maier seine goldene Taschenuhr und ruft aus:
"Es ist 12 Uhr 30 Minuten. (…) Mit dieser Erklärung (…) sind die Länder Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern zu einem Bundesland vereinigt. (…) Gott schütze das neue Bundesland!"
Mit der Regierungsbildung war der Südweststaat Baden-Württemberg Realität. ...mehr

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Nach 1952: Vertrauen in das neue Land Baden-Württemberg wächst

Foto: Bundesarchiv Bild 183-E1129-0206-001, Krueger

Die Altbadener, die sich zum Heimatbund Badenerland zusammenschlossen, führten auch nach der Bildung des Landes Baden-Württemberg den Kampf um die Wiederherstellung des früheren Landes Baden fort - bis vor das Bundesverfassungsgericht. Dieses gestand dem Heimatbund 1956 zu, dass die badische Bevölkerung in einer nochmaligen Volksabstimmung über den Verbleib ihrer Heimat im Bundesland Baden-Württemberg entscheiden dürfe. Ihr Wille sei durch "die Besonderheit der politisch-geschichtlichen Entwicklung", also durch die Trennung des Landes Baden nach 1945, "überspielt" worden.

Doch erst am 7. Juni 1970 kam es zu einer erneuten, endgültigen  Volksabstimmung. Das Ergebnis war ein eindrucksvolles Bekenntnis der badischen Bevölkerung zu Baden-Württemberg: Bei einer Wahlbeteiligung von 62,5 Prozent votierten 81,9 Prozent für den Verbleib beim Land Baden-Württemberg.

Die Vorbehalte der Südbadener gegenüber der neuen staatlichen Gemeinsamkeit ist längst verschwunden. Eines findet man allerdings immer noch selten: das spontane Bekenntnis eines Bürgers "Ich bin ein Baden-Württemberger". Einen Schwaben, einen Badener, einen Pfälzer oder einen Franken trifft man immer - aber eben selten einen, der sich "Baden-Württemberger" nennt.

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