Achtjähriges Gymnasium (G8)

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In Baden-Württemberg ist zu Beginn des Schuljahres 2004/05 das achtjährige Gymnasium eingeführt worden, zunächst für die in diesem Jahrgang beginnende fünfte Klasse, seitdem für alle neuen Gymnasiumsjahrgänge. In der Folge wurde viel Kritik am sogenannten Turbo-Gymnasium laut, die bis heute nicht verstummt ist. Während die Regierungskoalition aus CDU und FDP/DVP das G8 verteidigt und nur kleinere Nachbesserungen für sinnvoll erachtet, fordern die Opposition und Lehrerverbände grundlegende Änderungen. Insgesamt sind 155.000 Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg vom achtjährigen Gymnasium betroffen.
Hintergrund
In der Diskussion um die Nachteile, denen Deutschland im Wettbewerb der globalisierten Weltwirtschaft ausgesetzt ist, sind die im internationalen Vergleich überdurchschnittlich langen Ausbildungszeiten ein immer wiederkehrendes Argument. Bedingt dadurch unternehmen die Bundesländer (die in diesem Bereich zuständig sind) seit Mitte der 90er Jahre verstärkte Anstrengungen, die Ausbildungszeiten zu verkürzen. Neben den Bemühungen (u. a. durch Studiengebühren) die Aufenthaltsdauer an den Universitäten zu verringern ist vor allem die Umstellung der Gymnasien von einer neunjährigen auf eine achtjährige Schuldauer ein solcher Versuch. Während das achtjährige Gymnasium ursprünglich nur in den neuen Bundesländern üblich war (was seinen Ursprung im Schulsystem der DDR hat), ist es mittlerweile in allen Bundesländern eingeführt worden, in Rheinland-Pfalz allerdings nur an Ganztagsschulen.
Argumente für das achtjährige Gymnasium
Von seinen Befürwortern wird das G8 nicht nur als Kürzung der Schulzeit um ein Jahr, sondern als letzter Schritt einer Reform des gesamten gymnasialen Schul-systems gesehen. Die Begründung wird daher mit anderen Argumenten, die mit der Schulzeitverkürzung nicht immer etwas zu tun haben, verbunden. Grundsätzlich soll nicht in einem verkürzten Zeitraum derselbe Stoff gelehrt werden, sondern es soll in Verbindung mit einem neuen Bildungsplan eine „neue Schul- und Unterrichtskultur“ geschaffen und eine Überlastung der Schülerinnen und Schüler vermieden werden. Die zu diesem Schritt ergriffenen Maßnahmen umfassen fächerübergreifenden Unterricht (etwa im Kernfach Naturwissenschaft und Technik oder im Fächerverbund Geografie – Wirtschaft – Gemeinschaftskunde), zentrale Klassenarbeiten, ein größeres Mitspracherecht der einzelnen Schulen bei der Umsetzung der Lehrpläne, die Generalisierung der Lehrinhalte anstelle einer zu starken Spezialisierung und auch eine Flexibilisierung der Unterrichtszeiten - ob der Unterricht am Nachmittag oder samstags stattfindet, kann seit der Reform von den einzelnen Schulen mitentschieden werden. Außerdem sollen die Fremdsprachenkenntnisse, die die Schüler schon in der Grundschule erwerben, im neuen Gymnasium genutzt werden. So könne schon in der 5. Klasse oder spätestens in der 6. Klasse mit der zweiten Fremdsprache begonnen werden.
Kultusministerium: Das achtjährige Gymnasium
Argumente gegen das achtjährige Gymnasium
Obwohl das achtjährige Gymnasium schon vor Jahren eingeführt wurde, ist die Kritik daran bis heute nicht verstummt. Opposition, Lehrverbände und Eltern beanstanden die Umsetzung der Reform und die daraus resultierenden großen Belastungen für die Kinder.
Die Hauptkritikpunkte sind:
1. Zu viele Unterrichtsstunden
Bei der Umstellung auf das achtjährige Gymnasium wurden die Wochen-stundenzahlen der Schüler deutlich erhöht. Während Schüler im neunjährigen Gymnasium durchschnittlich 30 Wochenstunden zu absolvieren hatten, wurde das Pensum der Schüler des achtjährigen Gymnasiums auf durchschnittlich 33 Stunden pro Woche gesteigert. Begründet liegt diese Erhöhung in einem Beschluss der Kultusministerkonferenz. Um eine Qualitätsminderung des Abiturs zu verhindern, wurde an der für den Erwerb der allgemeinen Hochschulreife notwendigen Wochenstundenzahl von 265 nichts geändert. Die Schüler müssen deshalb jetzt in acht Jahren genau so viele Wochenstunden absolvieren, wie früher in neun Jahren. Da es den Schulen überlassen bleibt, wie sie das Kontingent verteilen, schonen die meisten die jüngeren Schüler, was allerdings dazu führt, dass in späteren Schuljahren bis zu 36 Wochenstunden zustande kommen. Inklusive Hausaufgaben und Klassenarbeitsvorbereitungen haben die Kinder inzwischen eine 45- bis 50-Stundenwoche zu absolvieren, so hat es zumindest eine baden-württembergische Elterninitiative ausgerechnet.
2. Zu viel Stoff – Überforderung der Schüler
Die Kritiker werfen dem Kultusministerium außerdem vor, die Lehrpläne nicht ausreichend gekürzt zu haben. Auch hätte die Oberstufe in die Schulzeitverkürzung einbezogen werden müssen. Stattdessen wurde fast der gesamte Stoff beibehalten und muss jetzt in der auf fünf Jahre gekürzten Unter- und Mittelstufe bis zum Ende der neunten Klasse vermittelt werden.
3. Die Verschärfung der sozialen Auslese
Eine Folge der höheren Anforderungen am Gymnasium sei, dass viele Kinder private Nachhilfe und Hausaufgabenhilfe brauchen. Da viele Eltern nicht in der Lage sind das zu leisten, verschärfe das achtjährige Gymnasium die soziale Auslese vor dem Abitur.
4. Schulstress – wenig Freizeit
Auch führe der erhöhte Schulstress bei vielen Kindern dazu, dass sie gezwungen sind, außerschulische Aktivitäten wie Sport und Musikunterricht aufzugeben. Genauso könnten die Kinder ihre sozialen Kontakte weniger pflegen, da ihnen schlicht die Zeit fehle.
5. Die Schulen sind nicht ausreichend ausgerüstet
Die höhere Zahl an Unterrichtsstunden führt außerdem zu deutlich mehr Nachmittagsunterricht. Viele Schulen seien aber gar nicht dafür ausgerüstet, die Kinder über Mittag zu betreuen und ihnen die Möglichkeit eines Mittagessens zu bieten. In anderen europäischen Staaten mit vergleichbaren Schulzeiten gäbe es viel mehr Ganztagsschulen mit Mensaversorgung und Förderangeboten.
Alles in allem werde die Schule zu stark an Kriterien wie Effizienz oder volkswirtschaftlichem Nutzen gemessen und dabei gerate in den Hintergrund, dass die Schülerinnen und Schüler sich in einer Umbruchsphase ihres Lebens befänden, in der zu hoher Druck kontraproduktiv wirken könnte. Der schnellere Fortgang des Lehrstoffes mache zudem einen nachträglichen Einstieg in das Gymnasium schwieriger und verringere dadurch Bildungschancen.
Elternbefragung
Im Frühjahr 2009 gab die SPD eine Umfrage zum Thema G8 beim Meinungs-forschungsinstitut TNS Infratest-Sozialforschung in Auftrag. Ergebnis dieser Befragung war, dass 73 Prozent der Eltern mit dem G8 "sehr unzufrieden" oder "eher unzufrieden" waren, nur 25 Prozent sagen, sie seien "eher zufrieden" oder "sehr zufrieden". Fast 80 Prozent kritisieren, dass die Belastung der Kinder durch G8 zu hoch sei. Und auf die Frage, für welchen Zug sie sich entscheiden würden, wenn es am Gymnasium ihres Kindes einen G8-Zug und einen G9-Zug gäbe, wählten 72 Prozent der Eltern den G9-Zug.
SPD: Die Ergebnisse der "Elternumfrage G8"
Der SPD-Fraktionsvorsitzende Claus Schmiedel interpretierte das Ergebnis der Befragung folgendermaßen: „Die Eltern stellen G8 ein verheerendes Zeugnis aus und fordern Wahlfreiheit zwischen G8 und G9“ Die Regierung erklärte, dass die Umfrage nicht repräsentativ sei, da sich nur 10.000 Eltern daran teilgenommen haben.
Positionen der Parteien:
Die Landesregierung (CDU/FDP) will am achtjährigen Gymnasium festhalten. Kultusministerin Marion Schick (CDU) hat allerdings Verbesserungen des G8 angekündigt: Die Schulaufsicht soll verstärkt werden. Mindest einmal soll es zu Gesprächen mit jedem allgemeinbildenden Gymnasium kommen, um Zielvereinbarungen für das folgende Schuljahr zu treffen. Des Weiteren sollen Fünft- und Sechstklässler zukünftig nicht über 32 Unterrichtsstunden in der Woche haben und auch nicht mehr als zweimal wöchentlich nachmittags Unterricht. In den Klassen sieben bis neun kann es dreimal in der Woche Nachmittagsunterricht geben. Die Grundstruktur des G8 soll allerdings bestehen bleiben. Im Hinblick auf die Forderung, neben dem achtjährigen Gymnasium wieder neunjährige Gymnasialzüge anzubieten, erklärte Schick, dass es keine Wiedereinführung von neunjährigen Zügen geben werde. Die Ministerien sieht keine Notwendigkeit für eine solche Maßnahme, da es die Möglichkeit das Abitur in neun Jahren zu machen längst gibt: "Die Schülerinnen und Schüler mit ihren Eltern können in Baden-Württemberg entscheiden, ob sie ihr Abitur nach acht oder neun Jahren ablegen. (…) Jedes Jahr beschreiten viele Realschülerinnen und Realschüler des Landes bereits erfolgreich diesen Weg zum Abitur über die beruflichen Schulen."
Kultusministerium: Das achtjährige Gymnasium (G8)
In den letzten Jahren ist die Möglichkeit, nach der mittleren Reife an einem beruflichen Gymnasium das Abitur zu machen, immer beliebter geworden. Allerdings gibt es in Baden-Württemberg nicht ausreichend Plätze an beruflichen Gymnasien. Im Schuljahr 2011/12 sollen deshalb 100 zusätzliche Klassen eingerichtet werden. Da diese rund 3.000 neuen Plätze aller Voraussicht auch nicht ausreichen werden, will die Kultusministerin auch in den kommenden Jahren weitere Klassen an beruflichen Gymnasien schaffen.
Pressemitteilungen des Kultusministeriums: Flächendeckender Ausbau der Beruflichen Gymnasien
Die SPD sieht den G8-Zwang als gescheitert an. Schulen sollten die Möglichkeit haben innerhalb des achtjährigen Gymnasiums (G8) einen parallelen G9-Zug einzurichten. Mit Wahlfreiheit für die Eltern, welche Variante für ihr Kind die beste ist. Die Bildungsinhalte im G8 in der Unter- und Mittelstufe sollen entzerrt werden und das Niveau der mittleren Reife erst am Ende der 10.Klasse erreicht werden. So würden der Zeitdruck und der Fächerstress weniger und die Durchlässigkeit von der Realschule wieder hergestellt. Die SPD fordert außerdem, mit der zweiten Fremdsprache grundsätzlich erst in der sechsten Klasse zu beginnen. Außerdem sollen die Gymnasien des Landes zu Ganztagsschulen ausgebaut werden, da das achtjährige Gymnasium nur so funktioniere. Die Hausaufgaben und die Stoffwiederholungen sollen in das Ganztagsschulkonzept mit eingeschlossen werden. Wenn die Kinder nach Hause kommen, soll die Schule wirklich aus sein.
Die Grünen erklären, dass die Einführung des Turbo-Gymnasiums (G8) den Druck in den Gymnasien enorm erhöht habe. Dennoch wollen sie am achtjährigen Gymnasium als Regelform festhalten. Eine erneute Umstrukturierung aller Gymnasien halten sie derzeit für nicht sinnvoll. Dafür sollen die zwei gestrichenen Poolstunden im G8 wieder gewährt werden, wodurch mehr individuelle Förderung und Differenzierungsmaßnahmen möglich seinen. Außerdem sollen die einzelnen Gymnasien die Möglichkeit erhalten, entweder ein Brückenjahr nach der 9. Klasse einzurichten oder zunächst als Schulversuch zwei Geschwindigkeiten in der Unter- und Mittelstufe bis zur mittleren Reife zuzulassen. Im Brückenjahr nach der 9. Klasse vor Eintritt in die Oberstufe kann dann der gymnasiale Lernstoff der vergangenen Jahre wiederholt werden. Quereinsteigern nach der 9. Klasse aus der Realschule können in diesem Brückenjahr auf den Übergang in die allgemeinbildende gymnasiale Oberstufe vorbereitet werden.
Grüne: "Wir brauchen eine grundlegende Reform des Turbo-Gymnasiums"
Weiterführende Links:
Landesbildungsserver: Das Neue im Bildungsplan für das Gymnasium
Wikipedia: Abitur nach zwölf Jahren
Georg-Büchner-Gymnasiums Winnenden:
Achtjähriges Gymnasium in Baden-Württemberg
Stundentafeln und Kontingentstundentafeln für allg.bild. Gymnasien in BW
Presse:
Spiegel online: Gymnasiasten ächzen unter der Stundenlast
Spiegel online: Kultusminister bessern beim Turbo-Abi nach
Der Tagesspiegel: Tempolimit für das Turbo-Abitur
Ministerpräsident Winfried Kretschmann

Seit dem 12. Mai 2011 ist Winfried Kretschmann der neue Ministerpräsident von Baden-Württemberg.
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